Contributions, Essays & Summaries

Programmatisches zur europäischen Paidèia

 

Was wäre gegen einen europäischen Patriotismus, der sich global behaupten muss, einzuwenden? Mit einer forcierten, reformierten, transformierten EU als eigener Machtpol in der pluripolaren politischen Welt? Auch ein pluralistisches Selbstbehauptungssystem bedarf einer Gestaltungs- und Überlebensstrategie. Europe first!? We need a long-term strategy for mobilising an integral but pluricentric National European Renovation. Rooted in traditional essentials and antitotalitarian pathways, in greco-roman, celtic & northern european cultures, consisting of diverse heterogeneous value structures within our european-mediterranean world: an acceptable european Ethnoconstructivism.

Global eskalierende Ungleichheit an Reichtum und Ressourcen-Kontrolle stellt ein Menetekel der Machtkonzentration und Oligarchisierungsprogression dar. Konformitätsdruck und Konsensualismus dominieren. Die Machtsicherungsdynamik der EU-Apparatschiks, der transnationalen Funktionseliten, Priesterkasten und Unelected Bureaucrats des EU-Staatenverbunds favorisiert Status-quo-Politik und die Zentralregierungen mitspielender Nationalakteure. Das provoziert Wagenburgmentalität in EU-Herrschaftsdomänen und generiert oligarchische Legitimationsprobleme. Sie resultieren nicht allein aus der degressiv-proportional fragwürdigen Repräsentanz der EU-Vertreterversammlung („EU-Parlament“), sondern aus mehreren eklatanten Demokratiedefiziten.

Ostinato der EU ist die Oligarchie, nicht die totale Oligarchie, wohl aber die partielle, wenngleich in einem annähernd formaldemokratischen Design. Bislang kommt das EU-„Parlament„ ohne demokratische Direktwahl von Wahlkreis-Abgeordneten zustande, im Grunde genommen skandalös. Bis dato gibt es nicht mal EU-weite Wahllisten, lediglich Mitgliedstaaten-typische. Die endgültige Reihenfolge der Kandidaten bei der starren Listenwahl zum sogenannten EU-Parlament wird durch die Parteien-Oligarchen und eben nicht durch die Wählerinnen und Wähler bestimmt. Abgesehen von minimalen Modifikationsoptionen (z.B. Vorzugsstimmen in Italien und Österreich). Nur Irland, Nordirland und Malta wenden das System übertragbarer Einzelstimmen an. Bei den EU-Listenwahlen geht es vor allem um bequeme, lukrative Pfründe. Das EU-Parlament ist ein Deklarativ-Parlament, das abgesehen von wenigen Ausnahmen aus parteienoligarchisch kontrollierten, starren Listenwahlen resultiert. Besagt: eine unveränderliche Liste ankreuzen plus Zettelfalten. Vom ominösen Listenwahlmodus her den seinerzeitigen Volkskammer-„Wahlen“ in der sog. „DDR“ vor 1990 wohl nicht völlig unähnlich.

Pragmatisch gesehen standen die bisherigen EU-Listenwahlergebnisse zu EU-Parlamentswahlen zum überwiegenden Teil schon vorher fest. Überdies streng einzelstaatlich portioniert, nicht etwa EU-übergreifend transnational. Selbst dann, wenn EU-weite „Spitzenkandidaten“ parteienoligarchisch vorgespiegelt und in diversen Formaten der Mainstream-Medien aspektiert und vermittelt werden, bleiben sie doch bloß einzelstaatliche Listenplayer. 2019 ebenso. Außerdem ist dieses demokratiedefizient generierte EU-„Parlament“ keinesfalls mit dem tatsächlichen EU-Legislativorgan und Machtzentrum zu verwechseln, dem durch die mitspielenden Einzelstaatsakteure, den Staats- und Regierungschefs bestückten ´Rat der Europäischen Union`. Darin liegt die eigentliche Macht der EU und nicht etwa im sogenannten EU-Parlament und seinem Showtime-Charakter. Prioritäten, Richtungsentscheidungen, Strategische Agenda und generelle politische EU-Zielvorstellungen obliegen dem ´Europäischen Rat`. Exekutivorgan der EU ist eine teure Bürokraten-Kommission; sie setzt um, was im Rat der EU beschlossen wurde. Sollte die EU nicht wesentlich mehr sein als eine überbürokratisierte EWG?


Welchen EU-Verfassungskonsens mit wieviel Vertragstreue bräuchten wir auf welcher demokratisch-republikanischen und nicht etwa aristokratisch-monarchistischen Legitimationsbasis? Läßt sich der 2005 durch zwei durchgreifende Volksentscheide in Frankreich und den Niederlanden gescheiterte EU-Verfassungskonsens mit der Akrobatik des Vertrags von Lissabon (Dez.2007, in Kraft seit Dez.2009) unter Umgehung konstitutiver Volksabstimmungen – Ausnahme: Irland 2008/9 – dauerhaft stabilisieren?

Alles andere als vaterlandsrestaurativ gefragt: Warum soll die EU-Staatsbürgerschaft nicht die erste Staatsbürgerschaft werden? Besagt: EU-Bundesstaat; ein föderativ, regionalstaatlich gegliedertes und subsidiär verfaßtes, republikanisches Nationaleuropa mit föderal institutionalisierten, konstitutiven EU-Staatsvölkern. Nach innen offen, an den Außengrenzen souverän gesichert. Europa als in sich antithetische, komplementäre, pluralistische, gleichwohl integrationseffektive wie reintegrierende Staatsräson.

Mit Sozialcharta, aber keine Bevormundungsunion, keine Nivellierungsunion, kein zentralistischer EU-Sozialismus samt demokratie-ignoranter Bürokratenherrschaft („EU-Sowjet“). Und keine Haftungs-, Schulden- und Transfer-Union. Tenor: „Niemand hat die Absicht, eine Schuldenunion zu errichten!„ Soweit erscheint beispielsweise die Beschlußlage der Bayerischen Staatsregierung zur Reform der Eurozone plausibel. Die Kernfrage bleibt freilich offen: Soll die seit dem Maastricht-Vertrag (1.11.1993) real existierende EU-Staatsbürgerschaft bloß als Wurmfortsatz von 27 oder mehr oder weniger Einzelstaatsbürgerschaften bis zum Sankt-Nimmerleinstag (ad Calendas Graecas) lediglich „mitfolgend“ geduldet bleiben? Diese zu den einzelnen Staatsbürgerschaften des EU-Staatenclubs hinzutretende, zusätzliche Unionsbürgerschaft stellt bis dato durchaus eine integrative wie komplementäre und nicht zuletzt eine pluralistische Projektionsfläche europapolitischer Imagination im Rahmen des EU-Staatenverbunds dar. Besser als gar nichts.

Jüngere „und gebildetere Menschen“ haben „eine positivere Einstellung zu Europa als der Durchschnitt der Bevölkerungen“, wie im DAAD-Newsletter 2/2017 zu lesen war. Es hapere mit der EU-Identifikation. Zu viele Studierende würden sich „nicht aktiv für den Zusammenhalt Europas einsetzen“ und nicht an kontroversen Europa- und Zukunfts-Debatten beteiligen. Mehr Wortmeldungen, mehr Einmischung, mehr intellektueller und intelligenter Streit wären wünschenswert. Es muß ja nicht alles Community-konform und gesellschaftspolitisch en vogue sein. Verlautbarungsjournalistische Reklame pro Europa oder pro EU reicht freilich nicht aus.

Europe: „it`s so different!“, sagen viele Amerikaner, wenn sie sich beim Herumreisen in Europa zu orientieren versuchen…Was gehört transnational zu unseren heterogenen europäischen Wurzeln? Aus der stattlichen Anzahl historischer Identifikationsangebote, die zur Vereinigung der europäischen Staatsvölker, Volksgruppen und ihrer Nationalakteure beitragen können, sei hier die Paidèia (παιδεία) herausgegriffen. Eine europäische Basiskategorie, deren langfristige Prägekraft für die humanistisch-rhetorische Kultur Europas vorausgesetzt wird. Paidèia als Superstrat Europas oder monochrome, monistische, monotheistische Polittheologie statt pluralistische Paidèia? Es geht um programmatische, ideologie- und religionskritische Aspekte und Überlieferungsstränge zur alteuropäisch-mediterranen, originär nichtchristlichen, präislamischen, platonischen bzw. neuplatonischen Paidèia (παιδεία). Und nicht zuletzt um ihre angemessene Aktualisierung und Rekonstitution. Freiheiten & Freiheitsgrade sind freilich nicht nur in europäisch-mediterranen Kommunikationsräumen permanent umkämpft.

Free Speech & Self-Determination statt Political Correctness, Kniefallpolitik & Zensurparteien! Keine Strangulierung der Meinungsfreiheit, Redefreiheit und Stimmfreiheit! Zwangsbeitragsfinanzierter Medien-Konformitätsdruck oder staatliche Privilegierung von Glaubensfragen oder gar philochristliche Zwangsbeglückung sind längst obsolet geworden. Zwar hatte schon Karl Martell anno 743 auf dem Verordnungsweg gegen paganreligiöse Bräuche & Kulte durchgegriffen (Synode von Estinnes, Bonifatiusbrief 56 in den MGH-Epistulae, p.102, Zeilen 21-23: Decrevimus quoque …). Derlei machtpolitisch und monotheistisch motivierte Blasphemie gegenüber den Old Ones konterkariert auch eine Kernforderung von Septuaginta & Thora, andere, fremde Götter (θεοὺς) nicht zu schmähen (Exodus 22, 27). Zum andern verstellt ein quasi-staatskirchlich inspirierter, reduktionistischer Kruzifix-Fetischismus, wie Mitte 2018 im Freistaat Bayern dekretiert und promulgiert (Bayr. Gesetz- & Verordnungsblatt 8/2018: 281), einmal mehr die plurireligiösen Freiheiten und die polytheistischen Traditionen und Überlieferungszusammenhänge Europas und nicht zuletzt Bayerns. Weder korpusloses Kreuz noch Kruzifix taugen als Toleranzsymbol.

Und die Präferenz auf drei bekannte, in Europa weithin institutionalisierte und gesellschaftspolitisch etablierte, orientalische Monotheismen greift angesichts heutiger wissenschaftlicher Kosmologie-Ansätze epistemologisch zu kurz. Kommunikationskompetenz, Würde und transzendentaler Impact des Menschen hängen nicht von monotheistischen Allmachtsphantasien ab. Auch massenlenkungspolitisch und machtsicherungsmotivierte Konkordate zwischen Staat & Kirchenfunktionären sollten in Europa längst obsolet geworden sein: fallen sie doch eklatant hinter das Religionsfreiheits- und Restitutionsedikt Kaiser Julians vom 4.Februar 362 zurück.


In diesem reaktualisierenden Kontext interessieren hier bewußt keine christlich-jüdischen Paidèia-Modifikationen, keine sehnsuchtsvollen, monotheistisch intendierten Mainstream-Soteriologien voller wohlbekannter Allmachtsphantasien und Einschüchterungspredigten oder mehr oder weniger geschickter, pädagogisch-doktrinärer Umprägungsversuche der europäisch-mediterran uneinheitlichen, zweifellos mehrdeutigen, teils paradoxen und Widersprüche einschließenden Paidèia in den diversen Spannungsfeldern von alteuropäischen und spätantik-synkretistischen Systemen und Mysterienkulten.
Ausgenommen bleibt der prototypische Kulturkampf um die Durchsetzung des Unterrichts- & Rhetorenedikts vom 17.Juni 362 und das hellenistisch inspirierte, eher föderal-intermediär angelegte, unzeitgemäß korruptionsfeindliche, partnerschaftlich-symbiotische Gesellschafts- und Herrschaftskonzept Kaiser Julians, der jedenfalls die Etablierung einer christlich-klerikalen Parallel-Hierarchie verhindern wollte. Dennoch: die pagane, überlieferungstreue polytheistische Bildungselite konnte im ausgehenden 4.Jahrhundert keine durchgreifende Renovation zugunsten eines logisch-mehrwertigen und mehrdeutigen Pantheons durchsetzen. Die Kampffront verlief entlang der Antinomie von pluralistischer Paidèia samt komplexen und variantenreich überliefertem Polytheismus oder dem repressiven Exklusivprimat des etappenweise kanonisierten Christentums mit Unterordnung unter klerikale Autoritäten. Kommunikationsgeschichtlich eine von etlichen Interpreten bagatellisierte, kulturkämpferische Episode mit effektiven Dämonisierungen, aber charakteristisch für europäisch-mediterrane Kohärenz und Identitätsbildung.
Die Einschätzung jener Julian-relationalen Problemlagen und Szenarios ist seit Jahrhunderten strittig. Unstrittig gewiß, daß deskriptiv zuordnungsfähige Paidèia-Rudimente oder Amalgamierungen auch bei Kirchenfunktionären und Christen jeglicher Couleur segmentierbar erscheinen. Nach wie vor stellt sich aber die Frage:
Wer waren eigentlich die wahren Apostaten und Weltbildvereinfacher?


Siehe MMN, rudimenta rhetorica 2011: 117-121 oder www.iablis.de/iablis_t/2012/nickl12.html  #Weiterlesen…